„Revolution? Wird sich zeigen“

© Foto | Simon Koy

Unglaubliche 50 Jahre war Helmut König bei der Audi AG in Ingolstadt beschäftigt. Für uns blickt der Meister der Effizienz und Herr der Automaten nach vorn.

Herr König, hinter ihrem Schreibtisch sehen wir Comics von Asterix und Obelix und eine laserbeschnittene Asterixskulptur. Was verbindet Sie mit diesen Figuren?

(schmunzelnd) Die Geschichten habe ich zum Geburtstag und zu Jubiläen von den Kollegen geschenkt bekommen. Man sagt mir eine gewisse Ähnlichkeit mit dem kleinen Gallier nach. Im Wesentlichen wird es wohl der Bart sein, aber er wird auch beschrieben als listiger kleiner Krieger mit sprühender Intelligenz und gefährliche Aufgaben werden ihm bedenkenlos anvertraut. Damit kann ich mich durchaus identifizieren. Der dazu passende Band müsste dann, Asterix bei den Automaten‘ heißen.

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Helmut König begann im September 1964 seine Lehre bei Audi. Zuletzt war er für die Fertigung der gesamten Karosserie verantwortlich.

LASER

Erst wusste er mit dem Lichtwerkzeug nicht so recht etwas anzufangen. Dann kam eine stumpfe Kehlnaht am ersten Audi TT und veränderte alles.

LEISTUNG

Er verknüpfte bei Audi das Thema Energieeffienz erfolgreich mit wirtschaftlicher Effizienz und trug so dazu bei, es in der Branche zu verankern.

Der Karosseriebau für den neuen Audi A3

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Effizienz und Nachhaltigkeit standen bei der Planung der Produktionshalle N 60 im Mittelpunkt. Weiterlesen

 

Weil Automatisierung Ihr Berufsleben bestimmt hat?

Ja — und weil ich immer noch fasziniert von Technik und Automation bin. Das fein austarierte Zusammenspiel von Robotern in einer effizienten Fertigung begeistert mich einfach.

Ist vor diesem Hintergrund die Halle N60 im Nordosten des Ingolstädter Werksgeländes Ihr Meisterstück?

Meinen Anteil an dieser herausragenden Teamleistung zu bewerten, überlasse ich gerne anderen. Aber in der Tat gilt die neue Halle als modernster Karosseriebau der Welt, als Benchmark für die Branche. 429 Schweißroboter, 335 Handlingroboter und 86 Kleberoboter arbeiten hier Hand in Hand und fertigen das Volumenmodell Audi A3. Rund 800 Mitarbeiter sorgen im Dreischichtbetrieb dafür, dass alles wie am Schnürchen klappt.

Für die Halle N 60 bündelte Helmut König Erfahrungen und Erkenntnisse. Hier wird der Audi A3 gebaut: energieeffizienter als je ein Auto zuvor.

Welche Merkmale machen diesen Karosseriebau so besonders?

Das ist zum einen die hohe Flexibilität bei optimaler Flächennutzung. Gut 30 Meter hoch, birgt die Halle zwei Fertigungsebenen. Auf 219 Meter Länge und 134 Meter Breite schaffen wir so eine Nutzfläche von etwa 60.000 Quadratmetern. Der Logistik-Anbau im Norden fungiert als Umschlagfläche und Schleuse.

… und zum anderen?

Weitere wichtige Wesensmerkmale sind höchste Ergonomie und das hocheffiziente Energiemanagement. Unser Ziel war es, beste Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter zu schaffen. Licht, Luft und Sauberkeit machen das Arbeiten angenehm. Allein durch 2.000 Quadratmeter Fensterfläche nutzen wir soweit möglich Tageslicht. Die Lüftungsanlage, die aus 16 Bausteinen besteht, tauscht in jeder Stunde 1,6 Millionen Kubikmeter Luft aus. Wärmeräder senken dabei den Energieverbrauch.

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Helmut König begann im September 1964 seine Lehre bei Audi. Zuletzt war er für die Fertigung der gesamten Karosserie verantwortlich.

 

Damit sind wir beim Stichwort Ressourceneffizienz!

Das ist ein ganz bedeutender Aspekt. Fangen wir auf dem Dach an. Dort ist eine Fotovoltaikanlage installiert, die jährlich 460.000 Kilowatt Strom erzeugt und so 250 Tonnen CO2-Emissionen vermeidet. Die Halle wird über eine tageslichtabhängige Steuerung beleuchtet, in Nebenbereichen sind Bewegungsmelder installiert und in den automatisierten Anlagen wird bei vollautomatischem Betrieb die Anlagenbeleuchtung heruntergedimmt.

Die Dachglocke aus CFK ist ein Beispiel für den Einsatz von Leichtbau in den Anlagen selbst. Und jede Fertigungszelle im A3-Karosseriebau hat eine Anzeige, die den aktuellen Strom- beziehungsweise Druck- luftverbrauch visualisiert. So erkennen die Mitarbeiter schnell mögliche Verluste und beheben sie. Und nicht zuletzt können wir die Halle am Wochenende quasi in Tiefschlaf versetzen. Ein intelligentes Abschaltkonzept ermöglicht es, den Energieverbrauch in Stillstandzeiten bis zu 80 Prozent zu reduzieren.

Warum Energieeffizienz so wichtig ist? Weil wir gegenüber den nächsten Generationen eine Schuldigkeit haben!
Helmut König

Warum liegt Ihnen das Thema Energieeffizienz denn so am Herzen?

Für mich ist das eine Selbstverständlichkeit! Wir haben doch eine Schuldigkeit gegenüber den nächsten Generationen und wollen unseren Kindern und Kindeskindern eine lebenswerte Welt hinterlassen. Heute ist der verantwortungsbewusste Ressourceneinsatz in der Audi-Produktionsstrategie 2020 verankert. Mit gutem Grund.

Betrachtet man die Umweltauswirkungen eines Automobils im Lebenszyklus, so findet gerade ein Wandel statt. Je sparsamer die Autos werden, desto wichtiger wird in Relation dazu die Herstellungsphase. Schließlich trägt ein Neuwagen, wenn er beim Händler ankommt, bereits eine CO₂ -Last, die je nach Fahrzeugtyp in etwa 50.000 Kilometern Fahrleistung entspricht. Das macht doch mehr als deutlich, warum es sich lohnt, in effektive und effiziente Fertigungsverfahren zu investieren.

Wie gehen Sie dabei konzeptionell vor?

Ganz pragmatisch. Wir handeln nach dem Grundsatz, den richtigen Werkstoff mit der richtigen Technologie am richtigen Ort einzusetzen. Lassen Sie mich das am Beispiel Laser erläutern. Der bereits verstorbene Volkswagen-Produktionsvorstand Dr. Folker Weißgerber hat immer für die Lasertechnologie im Automobilbau geworben. Mit seiner Technikaffinität wollte er auch uns bei Audi vom Werkzeug Licht überzeugen. Nur sahen wir zunächst keinen sinnvollen Ansatzpunkt für eine flächendeckende Einführung.

Wir entwickelten die Dachnullfuge per Laserstrahl-Hartlöten zur Perfektion.
Helmut König

Wie kam es dann doch zum Lasereinsatz?

Weil wir getreu unserem Grundsatz nach der richtigen Technologie für das Fügen der C-Säule beim Audi TT suchten. Der Laser war das Werkzeug der Wahl, da nur er die stumpfe Kehlnaht am Flansch darstellen konnte. Ab diesem Zeitpunkt haben wir den Einsatz dieses Verfahrens mit Feuereifer vorangetrieben. Wir haben die Dachnullfuge per Laserstrahl-Hartlöten zur Perfektion entwickelt.

In Ingolstadt konnten wir als Erste galvanisch verzinkte Bleche prozesssicher miteinander verschweißen, weil wir ein patentiertes Verfahren entwickelten, das die kontrollierte Ausgasung sicherstellt. Auch beim Audi A3 sind heute Scheibenlaser mit hohem Wirkungsgrad aktiv — beim Laserlöten der Dachnullfuge beispielsweise oder beim Laser-Remoteschweißen der Fahrzeugtüren. Und optische Lasermessanlagen überwachen alle Karosserien während der Fertigung und checken mehr als 4.000 Referenzpunkte.

Der Laser ist aber nicht mehr als ein Werkzeug?

Richtig, nicht mehr und nicht weniger als ein leistungsfähiges Werkzeug. Wirklich herausragend hingegen habe ich das Thema Modularisierung erlebt, die Auflösung des Automobils in Module wie Fahrwerk, Tür, Cockpit und Sitzanlage. Das Referenzpunktsystem RPS ist ein weiterer Meilenstein. RPS ist ein durchgängiges Aufnahmesystem für Einzelteile über Schweißgruppen bis zur Montage nach definierten Regeln. Zugleich ist es Voraussetzung für unseren hohen Qualitäts- und Funktionsanspruch und ist heute nicht mehr wegzudenken.

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Helmut König blickt auf ein reiches Arbeitsleben zurück.

 

Industrie 4.0 wird dann zur Revolution?

Ich halte die Diskussion für ziemlich aufgebauscht und teilweise sogar vermessen. Selbst bahnbrechende Erfinder wie James Watt oder Henry Ford haben ihre Innovationen nicht als Revolution empfunden. Das beurteilt doch erst die Nachwelt. Durch jahrelange Aktivitäten ist Industrie 4.0 für Audi keine Revolution, sondern kontinuierliche Weiterentwicklung und damit vielmehr eine Evolution.

Der Anteil der Automatisierungstechnik an der Produktivität wird gravierend wachsen und die Verfügbarkeit in hohem Maße bestimmen. Sich selbst parametrisierende Anlagen, eine vollständig vernetzte Fertigung oder die Verfolgung von Stördaten in Echtzeit werden die nächsten Schritte sein. Menschen und Maschinen werden noch stärker zusammenarbeiten und kollaborieren.

Sie sind jetzt unglaubliche 50 Jahre bei Audi. Wie hält man über so lange Zeit die Spannung?

Ich habe mich immer wieder spannenden und herausfordernden Aufgaben gestellt. Ich hatte das Glück, in guten Teams zu sein, gute Chefs zu haben, mit denen man nicht nur konzentriert an seinen Aufgaben gearbeitet, sondern auch Spaß miteinander gehabt hat. Wenn Sie mit Ihren Kollegen auch lachen können, dann passt es einfach im Team.

Gibt es in den fünf Dekaden besondere Stationen?

Da möchte ich zwei herausgreifen. Ich glaube, meine Ausbildung als Werkzeugmacher war die ideale Grundlage. Die Arbeit mit einer Präzision im Hundertstelbereich prägt fürs Leben. Disziplin,
Sorgfalt und das Interesse am Detail leiten sich daraus ab. Auch die Zeit von 1995 bis 2000 im Audi-Traumteam hat mich beeindruckt. Hier durften wir ungeniert „spinnen“ und die Zukunft von Audi träumen.

Für mich als detailverliebten Techniker war der Freiraum ungeheuer inspirierend. Unser gemischtes Team hat so manche Vorhersage getroffen, die heute Wirklichkeit ist. Trends wie zunehmende Elektrifizierung, alternative Antriebe, den Boom der Megacitys und die intelligente Vernetzung haben wir damals schon prognostiziert.

Ist der Einstieg bei Audi für einen gebürtigen Ingolstädter eigentlich unvermeidlich?

Das nicht, aber meine Familiengeschichte ist untrennbar mit Audi verbunden. Schon mein Vater war bei der Vorgängerfirma, der Auto Union GmbH, beschäftigt, Personalnummer 112. Auch mein ältester Sohn ist hier angestellt, der jüngere machte als Student bei Audi bereits zahlreiche Praktika. Audi und Ingolstadt, das gehört einfach zusammen. Ich genieße es zum Beispiel, samstags am Würstlstand auf dem Ingolstädter Viktualienmarkt nicht nur Freunde und Bekannte, sondern auch Kollegen zu treffen und mich mit ihnen beruflich wie privat zu unterhalten.

Und wo trifft man Sie dann zum Jahresende im Ruhestand?

Wir machen es uns zu Hause gemütlich. Der Nutzgarten wird zur Wellnessoase mit altersgerechtem Whirlpool, die Blockhütte bietet Raum für Kugelgrill und Smoker. Ganz besonders freue ich mich
auf viele Opa-Tage mit meinen Enkeln.

 

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