Endlich was Gescheites!

© Martin Leissl

Seit 44 Jahre tüftelt Walter Sticht Hightech-Automatisierungen aus. Alle Laseranlagen fielen bei ihm durch: zur Automatisierung ungeeignet. Jetzt hat er seine Meinung geändert und gründete sein jüngstes Unternehmen.

Mit 64 gab Walter Sticht seine Firma an seine Söhne ab und fing noch einmal von vorne an. Zuvor hatte er 36 Jahre lang sein Unternehmen geführt und hatte vor allem Erfolg mit Hochleistungsautomatisierungen für Großserienproduktionen in der Automobil- und Beschlägeindustrie. „Doch dann wollte ich etwas anderes machen. Ich stellte mir die Frage: Wie müssen Automatisierungen für kleine Stückzahlen aussehen?“

Walter Sticht vor der TruLaser Cell 3000 und seiner Automatisierungslösung in Schlangenbad. (Foto: Martin Leissl)

Wenn Sticht von „kleinen Stückzahlen“ spricht, meint er Produkte mit einem Fertigungsvolumen unter einer Million pro Jahr. „Es zeichnete sich ab: In der Industrie ist Variantenvielfalt und Individualisierung immer wichtiger, der Trend geht also in Richtung kleinerer Stückzahlen die Just-in-Time produziert werden müssen.“

Das war 2008. Heute gehört auch Stichts neue Firma STICHT Technologie GmbH zu den Top-Adressen Europas, wenn es um Automatisierungstechnik geht. Sitz des Unternehmens ist Hagenberg in Österreich, produziert wird im deutschen Schlangenbad bei Frankfurt. Die Standortwahl ist ein Statement: „Ich bin kein Weltverbesserer, aber wenn unsere Industrie in Europa überleben soll, brauchen wir kostengünstige Produktionsverfahren die auch an einem Hochlohnstandort wie Deutschland und Österreich rentabel sind – auch für kleinere Stückzahlen.“ Das ist Stichts Mission.

Immer gleich an die Produktion denken

Eine Philosophie hat er auch. „Es kann doch nicht immer nur darum gehen, für ein fertiges Produkt im Nachhinein eine schnelle, kostengünstige Herstellungsautomation zu entwickeln. Das überlegt man sich doch vorher!“, sagt Sticht, „Für mich gehören Produktentwicklung und Fertigung zusammen. Wenn man ein Produkt entwirft, muss man die spätere Automatisierung gleich mitdenken.“

Gelegenheit dazu, seine Philosophie in die Tat umzusetzen, bekam Sticht durch einen Auftrag von Audi. Es ging um einen neuen Schaltdom; das ist eine Komponente, die die Schaltbewegung des Fahrers auf die Schaltgabel überträgt.

Wenn man ein Produkt entwirft, muss man die spätere Automatisierung gleich mitdenken.

Walter Sticht, Gründer der STICHT Technologie GmbH

Der Autohersteller beauftragte Sticht damit, den Schaltdom zu entwerfen und eine Automatisierungslösung für dessen Produktion zu entwickeln. Es war schnell klar, dass dafür nur eine intelligente Blechkonstruktion samt Rohr mit Umformprozess und Schweißen der Einzelteile mit Laserlicht in Frage kam.

Die Lösung ist da!

Mit Lasern hat Sticht lange Erfahrung: Schon seit den 1980ern setzt er auf Festkörperlaser und CO2-Laser, da sie viel leichter automatisierbar sind als andere Schweißverfahren. „Aber in all den Jahren habe ich auf dem Markt nicht eine Laseranlage gefunden, die sich zur Automatisierung eignet. Es gab einfach keine. Also kauften wir uns die Strahlquellen, Optiken und so weiter zusammen und bauten immer unsere eigenen Laseranlagen, die wir dann in das Gesamtsystem integrierten.“ Eine aufwändige Angelegenheit für Sticht.

Beim Audi-Auftrag gab Sticht dem Markt für Laseranlagen noch einmal eine Chance und stieß auf die TruLaser Cell 3000. „Das ist endlich mal eine Laseranlage, die modular und flexibel ist! Dadurch dass sie links und rechts völlig frei und zugänglich ist, konnten wir unsere Automation einfach in das Lasersystem integrieren. Das sparte viel Arbeit – und auch Geld. Die TruLaser Cell 3000 wird in Serie produziert und ist damit um einiges günstiger als eine selbstentwickelte Anlage.“ Ein weiterer Vorteil ist, dass sich mit der Laseranlage unterschiedliche Schweißprozesse realisieren lassen, ohne die Maschine umrüsten zu müssen.

STIWA Group

1972 gründete Walter Sticht sein erstes Unternehmen, das heute als STIWA Group firmiert. An vier Standorten und mit 1.300 Mitarbeitern ist es ein führender Experte für den Bereich Produktentwicklung und Hochleistungsautomation.

STICHT Technologie GmbH

Nachdem Walter Sticht die STIWA Group 2011 an seine Söhne übergeben hat, gründete er die STICHT Technologie GmbH mit der er sich auf Automatisierungsanlagen für kleinere Stückzahlen spezialisiert hat. Das Unternehmen konzipiert Automatisierungslösungen für die produzierende Industrie von Serienteilen (u.a. Automobil-; Beschläge-; Elektroindustrie), entwickelt auch die Produkte und übernimmt die Serienfertigung als Produzent.

„Die Automation lebt davon, dass man Prozesse in mehrere Arbeitsschritte zerlegt.Der Schaltdom besteht aus 6 Einzelteilen, die verschweißt werden. Dafür haben wir vier verschiedene Schweißaufgaben definiert, die wir nacheinander abarbeiten.“ Im Prozess sieht das so aus: Ein Mitarbeiter positioniert die einzelnen Komponenten des Schaltdoms auf einen Werkzeugträger, der anschließend automatisch in die Bearbeitungszelle einfährt. Ein Laserscanner prüft ob alle Teile richtig sitzen, während das Programm für die Bearbeitung bereits lädt.

Dann beginnt der Scheibenlaser die erste Schweißrunde, nur einen kurzen Augenblick später kommt das Werkstück wieder zum Maschinenbediener zurück. Dieser benötigt nur einige Sekunden, um es auf dem nächsten Werkstückträger zu positionieren. Jetzt folgt der nächste Schweißschritt. Dieser Vorgang wiederholt sich noch weitere zwei Mal, dazwischen beschriftet ein integrierter TruMark 5010 das Werkstück in zwei Etappen ohne Taktzeitverlust mit einer individuellen Seriennummer samt 2D-Barcode für automatische Lesbarkeit.

Nach insgesamt vier Durchläufen und einer Bearbeitungszeit von 80 Sekunden ist der Schaltdom somit fertig zur Auslieferung. Der Maschinenbediener muss jedoch nicht warten, bis jeder Bearbeitungsschritt abgeschlossen ist. Während ein Werkstückträger in der Zelle ist, kann er den nächsten schon wieder bestücken. „Jeder Werkstückträger ist über ein spezielles System online identifiziert und sagt dem Bearbeitungskopf, welcher Schweißprozess jetzt durchgeführt soll“, erklärt Sticht.

Kurze Übergabezeit

Die Software haben die Ingenieure bei Sticht Technologie ebenfalls selbst entwickelt. „Der Laser darf erst starten, wenn das Werkstück in der richtigen Position ist. Daher ist ein schneller Shake Hand für die Schnittstelle zwischen Lasermaschine und unserem Automationssystem sehr wichtig. Gemeinsam mit TRUMPF haben wir diese Übergabezeit auf unter 0,5 Sekunden reduziert“, so Sticht.

Die Software besteht dabei aus unterschiedlichen Funktionsbausteinen und muss für die jeweiligen Schweißaufgaben nur noch parametriert werden. „Die Anlage ist somit sehr flexibel und lässt sich prinzipiell auch leicht für andere Produkte umprogrammieren.“ Audi fand die Gesamtlösung so überzeugend, dass sie Sticht erstmalig als TIER 1 Lieferant beauftragte. „Jetzt stellen wir die Schaltdome hier selber her und liefern bis zu 200.000 Stück pro Jahr.“


Das Video auf der Homepage der STICHT Technologie GmbH zeigt, wie die Automatisierungsanlage die Schaltdome für Audi schweißt:

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