„Alles begann mit Segeltuch“

© Foto | Sarah Martinsen

1978 gründete William Lawson das erste amerikanische Unternehmen für Lasermaterialbearbeitung. Hier erzählt er, wie er in den wilden Laserjahren zu seinen Kunden kam.

Sehen Sie sich selbst als amerikanischen Laser-Pionier?

Wenn ein Pionier jemand ist, der etwas als einer der ersten tut, dann ja. Wir waren mit unserer Firma jedenfalls definitiv Pioniere für die praktische Nutzung von Laser in der Produktionswelt. Meine Frau Rita und ich starteten 1978 die Firma Laser Machining, Inc. im Keller unseres Hauses – leider nicht in der Garage. „Als Garagenunternehmen gestartet“ – das klänge irgendwie besser.

William Lawson

Lawson studierte Maschinenbau an der Universität von Wisconsin-Madison, dann an der Universität von Minnesota-Minneapolis. 1978 gründete er in Sumerset, Minnesota, zusammen mit seiner Frau Rita „Laser Machining, Inc.“ (LMI) – eines der ersten amerikanische Unternehmen für Industrielle Laseranwendungen. 2002 verkaufte Lawson LMI an die Firma Preco Industries und gründete das Beratungsunternehmen NewTech Development. Seither hilft er Betrieben, die mit neuen Technologien Erfolg in jungen Märkten haben wollen.

In seiner Freizeit fliegt Lawson mit seinem Wasserflugzeug oder tüftelt in seiner Werkstatt, zum Beispiel an einem Geländemotorrad mit Zweiradantrieb.

Sie und der Laser – wie hat diese Liebesgeschichte begonnen?

1976 hatte ich die Hochschule als Planer für Elektromechanik abgeschlossen und arbeitete als Berateringenieur für kleine Unternehmen. Am College war ich Chefingenieur bei Harken Yacht Fittings gewesen. Über einen alten Freund kam ich dann zu einer Firma, North Sails, die Segel für große Boote herstellte und nun damit begann, sie per Computer zu designen. Sie wollten, dass ich ihnen einen Plotter baue, um die Schnittmuster auf das Segeltuch zu drucken. Dabei kam die Frage auf, wie man das Polyester-Segeltuch besser zuschneiden könne. Als eine Option kamen wir auf Laserlicht. Also fuhr ich nach Cleveland zu einem Lohnfertiger, der einen 50 Watt CO2-Laser besaß und machte dort Tests. Es stellte sich heraus, dass Laserschneiden in diesem Falle nicht wirtschaftlich war. Aber ich hatte meinen ersten Laser gesehen.

Und wie wirkte diese Begegnung auf Sie?

Mich faszinierte vor allem eines: Ein, zwei Haaresbreiten neben dem Schnitt war nichts zu sehen, keine Spur. Mit allem, was ich über thermale Prozesse wusste, war das schwer zu glauben. Dass man Energie so gut konzentrieren und steuern konnte, gefiel mir. Ich dachte: Daraus kann man ein Geschäft machen. Der zweite Laser, den ich in meinem Leben sah, war dann schon mein eigener. Ich hatte meine Mutter um ein 15.000 Dollar-Darlehen gebeten und sie war verrückt genug, es mir zu geben. Davon kaufte ich mir einen 50-Watt-CO2-Laser und stellte ihn mir in den Keller. Oben krabbelte unser erstes Kind, im Keller experimentierte ich mit der Lasermaschine.

Der zweite Laser, den ich in meinem Leben sah, war schon mein eigener.
William Lawson

Laser Machining, Inc. (LMI)

LMI startete als Lohnfertiger mit einem 50 Watt CO2-Laser, begann aber schnell, komplette Laser­maschinen für Kunden zu bauen. Die Firma wuchs schnell zu einem international tätigen Marktführer mit 225 Mitarbeitern. In 25 Jahren entwickelte und konstruierte LMI über eintausend Laseranlagen zum Schneiden, Schweißen und Beschriften. Das Unternehmen musste nur zwei Kunden ihr Geld zurückgeben, weil die Maschine nicht das tat, was versprochen wurde.

Wie machten Sie Ihr Geschäft bekannt?

Als Unternehmen mit neuer Technologie mussten wir auffallen. Damals gab es das „Thomas Register of American Manufacturers“, in dem jeder aufgeführt war, der in den USA etwas produzierte: Ein grünes Buch mit 30 oder mehr dicken Bänden – ein echtes Monster, aber die Bibel für jeden, der Hersteller suchte. Ich sprach mit einem der Editoren und sie führten für unser Unternehmen die Kategorie „Laser Machining“ ein. Es war eine simple, aber sehr wirksame Werbung! Sobald die neue Ausgabe draußen war, stand bei uns das Telefon nicht mehr still – „Krieg der Sterne“ lief gerade in den Kinos. Die Leute fanden Laserstrahlen klasse.

Was wollten die Anrufer von Ihnen?

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Blitzschnell vom Jobshop zum Integrator: Die Lasertechnik der ersten Tage brachte es mit sich, dass Lawson eine Menge grundsätzlicher Aufgaben zur Strahlqualität und -steuerung lösen musste.

Zunächst breitgefächerte, klassische Job-Shop-Arbeiten: Mit unserem kleinen 50 Watt-Laser konnten wir eigentlich nur kleine Löcher in Kunststoffteile bohren oder sie zuschneiden, für Kopiermaschinen etwa. Da wir nicht über viel Leistung verfügten, standen wir vielen praktischen Fragen gegenüber, etwa: Wie kriege ich eine gute Strahlenqualität? Wie beeinflußen wir den Strahl, um die besten Teile zu bekommen? Das mussten wir für uns beantworten.

„Krieg der Sterne“ lief gerade in den Kinos, als wir unser Geschäft starteten. Die Leute fanden Laserstrahlen klasse.
William Lawson

Die eigene Ausrüstung bauen – Das geht über einen klassischen Job-Shop hinaus, oder?

Ja, schon. Die Lohnfertigung war lange ein wichtiges und stabiles Standbein unsrer Firma. Rasch wurden wir aber auch zum Integrator. Wir kauften Strahlquellen, bauten die Systeme darum herum selbst und verkauften die Maschine. Wir entwickelten zum Beispiel eine Steuerung fürs Schneiden, die den Laser relativ zum Werkstück kontrolliert. Mit dieser Leistungssteuerung konnten wir den Energieeintrag viel präziser beherrschen. Das war nötig wegen der Folgefehler, die Hochgeschwindigkeits-Servosysteme produziert hatten. Wir bauten auch eine Maschine, die in Nicht-Metalle gravieren konnte – also im Prinzip den ersten Gravur-Laser, der konventionelle Schwarzweiß-Kopietechnik als Input hatte .

Lawson und der Laser

Lawson hält 13 Patente in den USA und verscheidene verwandte Patente im Ausland , die meisten davon in der Laser­material­bearbeitung, zum Beispiel über das „steered Laser Beam system with laser power control” (US Patent 6177648).

Seit 1998 engagiert sich Lawson im Laser Institute of America, dessen Präsident er 2003 war.

Wie überzeugten Sie Industriekunden von der damals neuen Lasertechnologie?

Heute ist der Laser in vielen Industriebereichen als Standardwerkzeug etabliert. In den 1980er Jahren konnte davon keine Rede sein. Wir leisteten viel Überzeugungsarbeit. Sehen Sie, in jeder Branche ist es so: Wenn man weiß, wie man ein Produkt herstellen kann, will man daran in der Regel festhalten. Ein Herstellungsprozess, der versagt, ist das teuerste, was einem Unternehmen passieren kann. Darum zögern die Leute, wenn Ihnen jemand auf einer Messe erzählt, sie könnten doch ihren Herstellungsprozess ändern. Um sie vom Laser zu überzeugen, muss man viel mit Ihnen reden, herausfinden, was das Problem ist und ob der Laser es wirtschaftlich löst. Und dann muss man mit Tests und Probeteilen beweisen, dass es geht. Wenn dann herauskommt, dass ein Laserprozess bei gleicher oder gar besserer Qualität zigmal schneller ist als der bestehende, dann fällt es leicht, den Kunden zu überzeugen. Auch heute noch gibt es übrigens Branchen, die mit dem Laser noch nicht warm geworden sind, die Lebensmittel- oder die Textilindustrie zum Beispiel. Das liegt daran, dass dort die Gewinnmargen so niedrig sind, dass es lange Zeit braucht, sich neuen Produktionstechniken zu öffnen.

Auf Ihrer Website steht eine Liste von Büchern, die Sie Unternehmen empfehlen; darunter Sun Tsu: „Die Kunst des Krieges“ aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Was hat der chinesische Militärstratege Ihnen beigebracht?

Wenn man zwischen den Zeilen liest, kann man viel von dem, was Sun Tsu über erfolgreiche Kriegsführung sagt, auf die Geschäftswelt übertragen: „Verstehe deinen Feind“ heißt „Verstehe deinen Mitbewerber.“ „Überblicke das Schlachtfeld“ heißt „Kenne deinen Markt.“ Der wichtigste Gedanke für mich aber war: Kenne dich selbst, und das, worin du gut bist und worin nicht – immens wichtig, wenn man geschäftlichen Erfolg haben will!

Viele grundlegende Entwicklungen in der Lasermaterialbearbeitung gehen auf Ihr Konto. Welche ist Ihr Liebling?

Wir haben in den frühen 1990er Jahren eine eigene computerbasierte Steuerung für unsere Schneidlasermaschinen entwickelt. Es gab zwar schon viele gute Bewegungssteuerungssysteme, aber die waren teuer und längst nicht so flexibel, wie wir sie uns gewünscht hätten. Sie kontrollierten die Bewegungen gut, aber nicht den Laserstrahl relativ zu den eigentlichen Bewegungen des Gesamtsystems. An unserer computerbasierten Steuerung haben wir viel verdient und abgesehen davon, habe ich es immer geliebt, Laserlicht noch besser kontrollieren zu können.

Kennen Sie die Geschichte vom Kaiser ohne Kleider? Niemand wagt, ihm zu sagen, dass er nackt ist. Das ist ein großes Problem für Geschäftsführer.
William Lawson

Ihr Unternehmen Laser Machining, Inc. hatte zuletzt 225 Mitarbeiter und internationale Vertriebsstandorten in Europa und Asien. 2002 verkauften Sie es. Warum?

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2002 verkaufte Geschäftsführer Lawson sein gut gehendes Unternehmen, um wieder näher an seiner ursprünglichen Leidenschaft arbeiten zu können: der Entwicklung von Technik und deren Märkten.

Kennen Sie die Geschichte vom Kaiser ohne Kleider? Niemand wagt, ihm zu sagen, dass er nackt ist. Das ist ein großes Problem für Geschäftsführer: Die Mitarbeiter sagen einem nur das Gute und man bekommt nicht die Rückmeldungen, die man eigentlich bräuchte. Das war das eine. Zum anderen tat ich nicht mehr das, was ich eigentlich wollte: Märkte entwickeln, Maschinen konstruieren. Stattdessen befasste ich mich zum Schluss fast nur noch mit den finanziellen Seiten des Geschäfts, schlug mich mit Banken herum und so. Hier kommt wieder Sun Tsu ins Spiel: Kenne dich selbst. Das war nicht gerade mein Haupttalent und Spaß machte es mir auch nicht. Es war also ein guter Zeitpunkt, das Unternehmen an jemanden abzugeben, der es weiterentwickeln wollte. Gleich danach machte ich mich wieder selbstständig als Berater und helfe seither Unternehmen, die für sie richtige Laseranlage zu wählen. Und ich unterstütze kleine Betriebe dabei, sich mit neuen Technologien, welchen auch immer, und dem richtigen Marketing am Markt festzusetzen.

Auch sonst können Sie mit der Tüftelei nicht aufhören: Haben Sie gerade ein Projekt?

O ja: echte Zweiradantriebe für Motorräder. Die waren viele Jahre lang so etwas wie der Heilige Gral für Motorradingenieure. Es gab schon länger eine Lösung, die aber sehr teuer ist. Mein Sohn – ebenfalls Ingenieur – fand einen Weg, das Vorderrad mechanisch und mit günstigen Mitteln anzutreiben. Er gestaltete dazu die Radaufhängung so um, dass die Federung voll erhalten blieb. Zusammen bauten wir es in unserer Werkstatt – einfach als Hobby. Dann kamen wir drauf, dass es dafür auch einen interessanten Markt gibt. Im Gelände fahren, im Sand, im Schlamm – das ist schwer, weil man das Motorrad oft steuern muss, indem man das Hinterrad gleiten lässt. Mit unserem zweiradgetriebenen Motorrad kann man immer über Lenker und Vorderrad lenken. Das ist ideal für Amateure, die in ihrer Freizeit einfach mal ein bisschen Geländefahren wollen. Hier entwickeln wir also gerade wieder ein Geschäft oder verkaufen die Technik an einen Motorradhersteller. Ich kann es einfach nicht lassen.

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